Festvortrag von Prof. Dr. R. Slotta zur 800-Jahr-Feier

Den mit Spannung erwarteten Festvortrag hielt am 25. März 2000 Prof. Dr. Rainer Slotta, Direktor des Deutschen Bergbau-Museums Bochum. Er stellte seine Ausführungen unter das Thema „Dies und anders mehr kommt alles vom Bergbau her - Der Mansfelder Bergbau und seine europäische Bedeutung". In überschaubarer Art und Weise gab er Abriss über die Geschichte des Mansfelder Bergbaureviers, eingebettet in die europäische Montanwirtschaft.

Der hier wiedergegebene Text der Festrede ist der Sondermitteilung Nr.1/2000 des Vereins der Mansfelder Berg- und Hüttenleute e.V. entnommen.



Prof. Dr. R. Slotta während seines Festvortrages (Foto MansfeldBand IV)

Dies und anders mehr kommt alles vom Bergbau her"-

Der Mansfelder Bergbau und seine europäische Bedeutung“

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Frau Minister,

sehr geehrte Festversammlung,

liebe Bergleute,

liebe Mansfelder!

800 Jahre hindurch Bergbau im Mansfelder Land! 800 Jahre lang das erfolg­reiche Bemühen, ein silberhaltiges Kupfervorkommen in Gestalt eines gering­mächtigen, sehr ausgedehnten Flözes abzubauen, um es mit aufwendiger Technologie in Metalle umzugestalten.

Daß dieses kleine Kupferschieferflöz auslösendes und prägendes Element für eine Region und ihre Menschen gewesen ist, mag erstaunen und zunächst Ungläubigkeit oder sogar Unverständnis hervorrufen, doch ist es tatsächlich so gewesen, daß die Suche nach dem begehrten Metall hier in diesem Gebiet um Eisleben, Hettstedt und Sangerhausen eine bemerkenswerte, viele Jahrhun­derte dauernde Entwicklung initiiert hat, die in Deutschland und Europa ohne Parallele ist und dieses Erzrevier zu einem der bergwirtschaftlich wichtigsten Metallproduzenten der Welt hat werden lassen: Man muß es sich bewußt machen: Dieses Mansfelder Land hat im Laufe des aktiven Montanwesens zwischen 1200 und 1990 insgesamt 109 Mio t Erz gefördert, aus denen 14.200 t Silber und 2,629 Mio t Kupfer ausgebracht worden sind! Allein im 15. und 16. Jahrhundert wurden durchschnittlich jährlich über 1000 t Kupfer und 3 t Silber erzeugt, damit gehörte das Mansfelder Land in der frühen Neuzeit neben dem Erzrevier von Schwaz in Tirol und dem von Neusohl in der heutigen Slowakei zu den wichtigsten, produktivstärksten Silber- und Kupferlieferanten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dieses Ihr Mansfelder Land hat im Laufe seines aktiven Berg- und Hüttenwesens mit rd. 14.000 t Silber mehr Münzmetall und Silber geliefert als die weithin bekannten Reviere des Unter-und Oberharzes oder des sächsischen, besonders des Freiberger Erzgebirges, sowie aller anderen deutschen Montangebiete wie dem Schwarzwald und den Vogesen. Mansfeld entwickelte sich aufgrund dieses schmalen Flözes zu einem der wichtigsten Metallieferanten der Welt: Mansfeld - dieser Name besitzt einen besonderen Klang durch die Jahrhunderte hindurch, die in Mansfeld entwickelte Technologie der Kupferdarstellung mit Hilfe der Technologie des Saigerns ist untrennbar mit dieser Lagerstätte verbunden; die mit süddeutschen Kapital errichteten und von Nürnberger Handelshäusern betriebenen Mansfel­der Saigerhütten versorgten im 16. Jahrhundert weite Teile des Heiligen Römi­schen Reiches mit Silber und Kupfer.

Die Mansfelder Grafen waren einflußreiche Territorialherren und geschätzte bzw. gefürchtete Partner, die ihr Stammschloß zu einer der kunstgeschichtlich bedeutendsten Renaissance-Anlage ausgestaltet haben.

Mansfelder Technologie im Metallhüttenwesen war auf der gesamten Welt be­gehrt und gesucht, selbst in Japan zur Zeit der Meiji-Restauration, d.h. am Ende des 19. Jahrhunderts, führte Curt Adolph Netto, der Begründer der Frankfurter Metallurgischen Gesellschaft und damit der heutigen „Lurgi", Mansfelder Öfen zur Verhüttung schwer schmelzbarer Erze ein. Und in der Zeit des Mansfeld Kombinates gelang es unter der Leitung von Generaldirektor Jentsch in weltweit einzigartiger Weise, aufgrund des vorhandenen reichen „know-hows" auch aus der Vergangenheit neben Kupfer, Silber, Blei und Zink seltene, schwer darstellbar, aber damals dringend benötigte Metalle wie Gold, Selen, Kadmium, Vanadium, Rhenium, Thallium und Germanium für die Volkswirtschaft der DDR zu produzieren: Dies erfolgte auf der Grundlage der Existenz eines nur wenige Zentimeter starken Erzvorkommens in z.T. beträcht­licher Teufe. Als einzigartiger Weltmaßstab sind außerdem die komplexe Ge­winnung aller Wertstoffe und das Ausbringen von fast 90 % des Metallgehaltes 'aus der Lagerstätte ohne Aufbereitung im üblichen Sinne, die Nutzung von Bitumen - eigentlich ein Feind der Aufbereitung - als Brennstoff und das Be­herrschen z.T. katastrophaler Wassereinbrüche zu bewerten. Alle erwähnten Leistungen zeichnen dieses Revier und seine Berg- und Hüttenleute aus, rufen Verwunderung und Bewunderung hervor, verlangen aber auch weiterer Unter­suchung und Aufklärung.

Wer einmal ein Kupferschieferbergwerk im Mansfelder Land mit wachem Empfinden hat befahren Können, wird dieses Erlebnis niemals vergessen kön­nen: Eng und niedrig war es in den Streben vor dem nur 30 bis 40 cm mächti­gen Flöz. Hockend, kniend, kriechend und rutschend, schiebend und auf der Seite liegend arbeiteten sich die Knappen vor, und gewannen lange Jahrhun­derte hindurch in mühseliger, schwerer Handarbeit mit Keilhauen das begehrte Flöz herein. Junge Männer zogen und treckten, den Kopf verschränkt und ver­dreht, die flachen, mit Erz gefüllten Strebhunte, die an ihren Füßen ange­bunden waren, in die Förderstrecken, sie und mansche Knappen fielen auf­grund ihrer im Laufe dieser jahrelangen Tätigkeiten entstandenen körperlichen Verwachsungen als „Krummhälser" nach der Schicht im Leben über Tage auf. Diese Arbeit vor dem Kupferschieferflöz mit den durch die Lagerstätte vorge­gebenen Besonderheiten unterschied das Mansfelder Revier vor allen anderen Erzrevieren der Welt und mußte Auswirkungen auf die menschliche Gesell­schaft haben: Natürlich mußten sich die Knappen aufeinander verlassen kön­nen: Davon spreche ich nicht, denn Kameradschaft, Solidarität der Knappen, untereinander und andere bergmännische Werte wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Vertrauen sind im Bergbau selbstverständlich, weil not­wendig, denn die Sicherheit des Einzelnen und der Gemeinschaft unter Tage und der Ausschluß von Gefahr und Unglücken müssen gewährleistet sein. Doch verstärken sich diese Eigenschaften aufgrund der von der Lagerstätte bedingten, weltweit im Bergbau einzigartigen Mansfelder Verhältnisse: Die durch Arbeit unter Tage quasi „zusammengeschweißten" Bergleute waren auch nach der Schicht eine Gemeinschaft, die zusammenhielt und die Gesellschaft bestimmte, und die Fähigkeit der Knappen, dieses Flözchen von besonderer Schmalheit im Berg zu gewinnen und zu fördern, sowie das außerordentliche Vermögen der Hüttenleute, aus diesen geringhaltigen Erzen schimmerndes Metall für die Volkswirtschaft und die Prosperität eines Territoriums zur Ver­fügung zu stellen, Kurzum: Diese besonderen Fähigkeiten mußten mit vollem Recht einen besonderen Stolz und ein besonderes Bewußtsein im Mansfelder Montanen hervorrufen und ihn dadurch prägen. Der Mansfelder Bergmann fühlte sich im Vergleich mit den Berufskollegen anderer Reviere immer als etwas Besonderes - als einen von der Natur Benachteiligten, der der Natur aber dennoch seine Schätze abgerungen hat. Dieses „Dennoch" machte ihn einer­seits stark, selbstbewußt und befähigte ihn zu besonderen Leistungen, anderer­seits aber auch streitbar und kampflustig.

 

I.

Diese besonderen, vom Montanwesen bedingten Eigenschaften des Mansfelders lassen sich durch die Jahrhunderte hindurch belegen. Lassen Sie mich mit einigen Beispielen für das Selbstbewußtsein, die Stärke und die Leistungs­fähigkeit der Mansfelder Knappen beginnen.

1.          Schon im 13. Jahrhundert, zur Zeit von Nappian und Neucke als den sagenhaften Entdeckern des Mansfelder Kupferschieferflözes erbauten sich die Knappen „im Welfesholz" bei Hettstedt eine Bergkapelle und ließen den Chor­bogen auf zwei steinernen Konsolen mit Darstellungen zweier Bergleute auf­ruhen, die - auf der Seite liegend und das Flöz hereingewinnend - ihre tägliche Arbeit widerspiegelten. Damit - und das meinten die Knappen ganz wörtlich - ruhte der Chorbogen als Symbol des Glaubens auf den Bergknappen auf, sie stützten  und  trugen  die  Last  und  damit  die Gesellschaft.   Diese beiden Figürchen sind die ältesten nachantiken bergmännischen Skulpturen: Sie ent­standen in Mansfeld und nicht in einem anderen europäischen Silbererzrevier. Schon dieses Beispiel belegt die Sonderstellung des Mansfelder Montan­wesens.

2.          Als der Mansfelder Graf Albrecht im 16. Jahrhundert den Bergbau durch wirtschaftliche Aufbauprogramme förderte und die Eisleber Neustadt er­richten ließ, um den herbeigerufenen Bergleuten Wohnraum zu bieten, stellte man vor dem Rathaus eine Bergmannsfigur auf, mit der sich die Mansfelder Bergknappen identifizieren konnten. Diese Figur, der Kamerad Martin, trägt die Mansfelder Tracht mit dem Leder und die charakteristische, im Mansfelder Bergbau verwendete Keilhaue als Gezähe.  Diese Skulptur ist das älteste, nichtfeudale steinerne Dokument in Mitteleuropa und das älteste Beispiel für ein Denkmal, das den Angehörigen eines Berufsstandes zeigt. Und es handelt sich um ein  Denkmal des Bergbaus, weder die Schiffahrt,  noch andere menschliche Urproduktionen haben sich zu einer solchen Leistung emporgeschwungen. Und: Dieses Denkmal steht in Eisleben, nicht im säch­sischen Erzgebirge, nicht im Harz oder in den jüngeren Bergbaurevieren z.B. der Steinkohle. Es waren der Kupfer- und der Silbererzbergbau des Mansfelder Landes und seine besondere wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung, die eine derartige Emanation haben entstehen lassen. Dem unbekannten mansfel­der Bergmann ist symbolhaft im „Kamerad Martin" ein Erinnerungszeichen ge­setzt worden!

3.     Der Bergbau ist ein Beruf und eine Berufung für Spezialisten. Die Arbeit unter Tage verlangt eine besondere Veranlagung und auch Ausbildung, und deshalb verwundert es auch nicht, daß im Mansfeldischen eine der ganz frühen Bergschulen in Deutschland eingerichtet worden ist. Nach Schemnitz in der heutigen Slowakei und dem sächsischen Freiberg, die noch um das Primat der Entstehung einer Bergakademie streiten, hat am 14. Juli 1798 in Eisleben die  drittälteste deutsche Bergschule ihren Ausbildungsbetrieb aufgenommen, deren Entwicklung mit Persönlichkeiten wie Christian Ottiliae, Franz von Veltheim und - vor allem - Karl Friedrich Ludwig Plümicke untrennbar verbunden ist. Aus dieser Bergschule, die nach 1945 in die „Berg- und Hütteningenieurschule Eisleben" umgewandelt worden ist und heute noch als Berufsbildende Fach­schule für Technik und Wirtschaft besteht, sind von 1798 bis 1965 vor allem für den Mansfelder Kupferschieferbergbau über 3650 Berg- und Hütteningenieure und Techniker hervorgegangen; die Mansfelder Bergschule besaß einen her­vorragenden Ruf unter den deutschen, montanistischen Ausbildungsstätten.

4.   Ein weiteres charakteristisches Beispiel für die besonderen Qualitäten der Mansfelder Berg- und Hüttenleute ist auch das in der Bergbaugeschichte Europas einzigartige Kapitel der Aufstellung des Mansfelder Pionierbataillons in der Zeit der Befreiungskriege, das das besondere Wesen der Mansfelder Knappen in aller Deutlichkeit zeigt.  Der Mansfelder Bergamtsleiter Franz Wilhelm von Veltheim bündelte damals den sich im Mansfelder Bergbau ent­wickelnden Widerstand gegen Napoleon und stellte aus den Mansfelder Beleg­schaften das erste deutsche Pionierbataillon zusammen, wobei er das Nütz­liche mit dem Notwendigen verbunden hat: Zum einen konnten in dieser Zeit  des wirtschaftlichen Abschwungs Entlassungen und Arbeitslosigkeit vermieden  werden, zum anderen waren die Knappen durch paramilitärische Struktur des Bergbaus an Disziplin und Ordnung gewöhnt und zum dritten besaßen sie aufgrund ihres Spezialistentums ein besonderes know-how und wußten mit schwerem Gerät und Schießpulver umzugehen. So entstand aus den kriegs­tüchtigen und kriegswilligen Berg- und Hüttenleuten ein eigenes, zuletzt 514 Mann starkes Korps, das in vier Kompanien eingeteilt wurde. Die vierte Kom­panie marschierte am 7. Juli 1815 in Paris ein, die Belagerung und der Fall der Festungen von Longwy und Montmedy sind ohne den Einsatz Mansfelder Pionier-Bergleute  -  auch  als Mineure  -  undenkbar.   Die  schwarze  Berg­mannstracht und die blauen Aufschläge waren Kennzeichen der Mansfelder Pioniere. Noch heute tragen die Pioniere der Bundeswehr blaue Biesen als Zeichen für ihre Waffengattung. Die Fürsorge und die soziale Grundhaltung von Veltheims für „seine" Bergleute und deren Familien zeigt sich aber auch in der Maßnahme, daß er den Bergleuten nur ein Drittel des Lohnes während ihrer Kriegstätigkeit fortzahlte, ein Dritte! aber einbehielt und zurücklegte und das letzte Drittel schließlich den zurückgebliebenen Familien zukommen ließ; er selbst und seine Beamten verzichteten damals auf einen Teil ihrer Gehälter und zeigten sich in der Not mit den Bergleuten solidarisch. Die Solidarität der daheimgebliebenen Berg- und Hüttenleute ging soweit, daß diese denjenigen Bergmann-Pionieren, die keinen Bergkittel als Uniform besaßen, ihre eigenen Trachten zur Verfügung stellten: So muß man dieses Mansfelder Bergmanns-Pionier-Bataillon als herausragende Erscheinung einer berufsspezifischen, auf bergmännischen Traditionen fußenden großen Solidarität im europäischen Montanwesen bewerten.

                                                                                    

II.

Damit komme ich zu der zweiten besonderen Eigenart der Mansfelder Bevölke­rung, die auf der Lagerstätte und dem Bergbau fußt und neben der Leistungs­fähigkeit das Beharrungsvermögen und die Streitbarkeit betrifft. Lassen Sie mich auch dies zu begründen versuchen.

1.          Die Bereitschaft der Mansfelder Bergleute, sich spontan zu solidari­sieren und als Pioniere den Kampf gegen die napoleonische Herrschaft aufzu­nehmen, ist als Umdeutung des bergmännischen Streiks auf politischem Sektor zu bewerten: Streiks als Mittel der Unmutsbezeugung sozialer Ungerechtigkeit hat es im Mansfelder Bergbau immer gegeben, auch aus den Zeiten Luthers sind derartige Arbeitskämpfe überliefert. Die besonderen schwierigen Arbeits­verhältnisse unter Tage verbunden  mit einem Selbstbewußtsein  um das Spezialistentum und das daraus entwickelte Selbstwertgefühl führten im 19. und 20. Jahrhundert zu Ereignissen, die für die Entwicklung der Arbeiter­bewegung von Bedeutung waren. 1890 gab es einen heftigen Bergarbeiter­streik gegen das Unternehmen der Mansfeldischen Kupferschieferbauenden Gewerkschaft, 1909 erkämpften sich die Bergknappen in einem sechswöchige" Kampf das Recht des Zusammenschlusses in Gewerkschaftsverbänden: Die Mansfelder Arbeiterbewegung erhielt damals ihre Basis. Während der Nieder­schlagung des Kapp-Putsches im März 1920 übten die Mansfelder Arbeiter die politische und militärische Macht aus, in den Märzkämpfen 1921 stritten und kämpften die Berg- und Hüttenleute gegen Polizei und Reichswehreinheiten.

2.          Das „Rote Mansfeld" - so hieß die Montanregion in den 1920er Jahren. Die Kommunistische Partei Deutschlands verfügte in den Bergstädten des  Reviers über eine breite Basis und erhielt großen Zulauf, der Grund dafür lag in den schweren Arbeitsbedingungen und in der schlechten gesamtökonomischen  Situation. Gerade in diesen Jahren und in Erinnerung an die z.T. blutig niedergeschlagenen Streiks in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstanden bemerkenswerte literarische Skizzen, Erzählungen und dramatische Szenen, Arbeiterkampflieder kamen auf. Weite Verbreitung in ganz Mitteldeutschland fand in den 1920 Jahren die Erzählung von Otto Kilian „Warum die Kirschbäume in Mansfeld rote Blätter haben". Anläßlich der 400. Wiederkehr des Deutschen Bauernkrieges im Jahre 1925 wirkten weit über tausend Bergarbeiter als Laienspieler mit bei der Aufführung des Dramas „Thomas Münzer" von Berta Lask auf der Eisleber Wiese vor einer mehrtausigen Zuschauermenge.

Das an die Spartakuskämpfe 1919 erinnernde „Liebknechtlied" und das „Leunalied" aus den Kämpfen von 1921 und 1923 waren im Mansfeldischen ebenso heimisch wie das „Lied des kleinen Trompeter", das 1925 als Anklage gegen die Verantwortlichen vom sogenannten Blutbad in Halle entstanden war, bei dem die Polizei eine KPD-Veranstaaltung mit Waffengewalt aufgelöst hatte, um Ernst Thälmann am Reden zu hindern. Dieses Lied blieb im Gedächtnis der Bergarbeiter verwurzelt und erreichte eine gewisse Symbolkraft, ebenso wie die berühmt gewordene, propagandistisch emporstilisierte Fahne von Kriwoj-Rog, die Arbeiter des Paul-Schachtes vor der SS und der Gestapo verbergen konnten.

1930 traten rd. 13.000 Berg- und Hüttenleute in einen achtwöchigen Streik, während des Dritten Reichs fanden immer wieder Aktionen gegen die Nationalsozialisten statt. Der Widerstand des „Roten Mansfeld" gegen Adolf Hitler manifestierte sich symbolisch in der Weigerung einiger Belegschaftsangehöriger der Krug-Hütte, das während des Rußland-Feldzuges in Puschkin geraubte Lenindenkmal in Eisleben einzuschmelzen: Sie verbargen es unter Schrott. Es wurde nach Kriegsende am 2. Juli 1945 auf dem Eisleber August-Bebel-Plan als Symbol der angestrebten Deutsch-sowjetischen Freundschaft aufgestellt.

Die bisweilen militante, revolutionäre Haltung der Mansfelder Bergarbeiter bahnte sich auch im Sozialismus ihren Weg: Der Aufstand der Bevölkerung der DDR am 17. Juni 1953 fand nicht nur in Berlin statt, sondern auch in Eisleben: Im Mansfelder Revier herrschte flächendeckend Ausnahmezustand, die Streiks gingen am 20. Juni zu Ende, beschwichtigend wurden am 26. Juni Maßnahmen  zur Verbesserung der Lebenslage durch die Regierung beschlossen. Die besondere Stellung der Mansfelder Bergknappen und Mansfeld-Kombinats im Gesamtzusammenhang mit der Wirtschaft der noch jungen DDR manifestiert sich auch im 1950 erstmals aufgeführten, aus Anlaß des 750jährigen Bestehens des Mansfelder Kupferschieferbergbaus geschaffenen „Mansfeld-Oratorium" von Stefan Hermlin und Ernst Hermann Meyer, das sie j revolutionäre Tradition der Mansfelder Arbeiterbewegung thematisierte, sowie in dem weniger bedeutenden, 1979 uraufgeführten Oratorium „Die Flamme von Mansfeld" von Fritz Geißler und Günter Deike. Beide Tonwerke behielten ihre Bedeutung bis in die 1980er Jahre hinein.

3. Die Beschäftigung mit dem Mansfelder Land, seinen spezifischen Eigenarten und seinen Menschen wäre unvollständig und verfehlt, wenn man nicht auf die beiden großen Söhne der Region einginge - Martin Luther und Thomas Münzer. Es ist eine reizvolle und spannende Überlegung und der Überlegung wert, wie der Verlauf der Weltgeschichte wohl gewesen wäre, wenn das Mansfelder Land keine Kupferschieferlagerstätten besessen und man hier keine montanistische Tätigkeit ausgeübt hätte. Hans Luder wäre dann nicht im Jahre 1483 nach Eisleben umgezogen, wäre kein Hüttenbesitzer am Raben­hügel im Wippertal geworden und hätte nicht um 1506 knapp 10 % der Mans­felder Gesamterzeugung an Kupfer produziert, sondern wäre irgendwo im Thüringischen geblieben und einer anderen Tätigkeit nachgegangen. Martin Luther hätte dann auch nicht in Eisleben das Licht der Welt erblickt und wäre an anderer Stelle wahrscheinlich als unbedeutender Mensch verstorben. Die Reformation und der Dreißigjährige Krieg hätten nicht stattgefunden, die Weltgeschichte hätte bis heute einen gänzlich anderen Verlauf genommen und Eisleben besäße heute keine Stätten des Weltkulturerbes. Sehr wahrscheinlich wären Eisleben, Sangerhausen und Hettstedt relativ unbedeutende Flecken auf der Karte.

Durch das Montanwesen aber wandte sich Martin Luther fast zwangsläufig dem Bergbau und dem Hüttenwesen zu, nach dem Willen seines Vaters sollte er die Ludersche Hütte weiterführen und ausbauen. Hans Luder soll - nach Aussage von Martin Luther - „fast toll" gewesen sein, als ihm der Sohn seine Berufung zum Mönch verkündet hat. Dennoch blieb Martin Luther immer dem Montan­wesen verbunden, fungierte auch als Schlichter zwischen den Mansfelder Grafenlinien und griff engagiert und aktiv in die „Mansfelder Händel" um die Kupferwirtschaft ein, die am 16. Februar 1546 im sog. Luthervertrag beigelegt werden konnten.

Die Frage, warum in der Grafschaft Mansfeld Luthers Ideen und die Reforma­tion schon so frühzeitig eingesetzt haben, damit beantworten zu wollen, Luther sei ein Mansfelder gewesen und darum von Territorialherren und der Bevöl­kerung akzeptiert worden, ist zwar nicht falsch, aber nicht ausreichend: Die latent aufsässigen „querdenkenden" Berg- und Hüttenleute, die zerstrittenen Grafen und das wirtschaftliche Umfeld mit seinen produktionsstarken Saigerhütten bildeten die Basis für das schnelle Eindringen der Lutherischen Idee Erstmals faßbar wird die einsetzende Reformation in der Grafschaft Mansfeld mit dem Rücktritt des Generalvikars des Augustinerordens Staubpitz anläßlich des Ordensgeneralkonvents vom 26. bis 28. August 1520 im St. Annen-Kloster in Eisleben: Dieses Kloster in der Siedlung der Bergknappen wurde zur Keim­zelle und zum Zentrum der Reformbewegung. Als die Mansfelder Grafen / Albrecht und Gebhard die Reform unterstützten und im April 1525 zu Luthers Lehre übertraten, ist dieser Schritt als Vollendung des Übergangs zum evangelischen Glauben in der Grafschaft Mansfeld anzusehen. Wie man die Rolle der Mans­felder Region in den Jahren der beginnenden Reformation auch betrachten und bewerten mag: Festzuhalten ist, daß der Kupferschieferbergbau und das Saigerhüttenwesen für die Entstehung und Ausbreitung der Lutherischen Lehre eine wichtige, vielleicht sogar eine ausschlaggebende Bedeutung besessen haben. Die Rolle, welche die Mansfelder Bergbau-Unternehmer sowie die Berg-und Hüttenleute dabei und in den Bauernkriegen gespielt haben, darf nicht unterschätzt werden.

Den in Stolberg am Harz geborenen Thomas Münzer lernte Martin Luther 1519 in Leipzig kennen: Beide haben das Bild vom Mansfelder Menschen ent­scheidend geprägt, spiegeln sich in ihren Handlungsweisen doch die Struktur­veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft in der Zeit um 1500 brenn­punktartig wider. Die sozialen Kosten des wirtschaftlichen Fortschrittes waren hoch, selbständige Handwerksexistenzen gingen durch die Verlagsbindung zurück, Zünfte wurden geschlossen, unqualifizierte Arbeitskräfte wurden in großem Umfang eingesetzt, die Krise des Geld- und Währungssystems verschärfte bei stagnierenden Löhnen die Folgen der langfristig steigenden Preise  Grundnahrungsmittel. Von diesen Vorgängen waren die Lohnarbeiter in den Städten, die Bauern und die Bergleute besonders betroffen. Die Krise des Feudalsystems äußerte sich in wachsendem Druck der geistlichen und welt­lichen Grundherren auf die abhängige Bevölkerung, die sich Schließlich im Aufstand Des „gemeinen Mannes" entlud. Es ist kein Zufall, daß auch die Mansfelder Bergknappen diesen Ereignissen nicht tatenlos zuschauten, sondern Münzers „revolutionäre" Gedanken aufnahmen und dessen For­derungen maßgebend unterstützten. 1507 brachen unter den Bergleuten wegen zu geringer Entlohnung Unruhen aus, 1511 verbot Graf Albrecht eine illegale Bruderschaft der Bergknappen.

Münzer kam 1523 nach Allstedt, wo er als radikaler, urchristlichem Gedanken­gut zuneigender Reformer vor Luther eine deutsche Liturgie einführte und mit Bürgern, Bauern und Bergleuten den „Bund getreulichen und göttlichen Willens" begründete. In Allstedt entwickelte er seine Vorstellungen von deiner „Deutschen Messe", die ihm an Sonntagen einen Zulauf von bis zu ~2000 Menschen auch aus dem Mansfelder Land einbrachte. Die Auseinander­setzungen mit dem Landesherrn und auch mit Luther verschärften sich, 1524 warnte Luther die Fürsten vor Münzer als „aufrührerischem Geist". Zunächst aus Allstedt und Mühlhausen vertrieben, nahm Münzer Verbindung mit den Wiedertäufern und aufständischen Bauern auf, kehrte im Februar 1525 nach Mühlhausen zurück, erließ dort eine radikal-demokratische Verfassung und organisierte den Widerstand gegen die Fürsten. Am 15. Mai kam es bei Bad Frankenhausen zur Schlacht, in der etwa 8000 Bauern, Handwerker und Berg­leute gegen das vereinigte Heer der sächsischen, hessischen, branden­burgischen und braunschweigischen Fürsten kämpften und vernichtend ge­schlagen wurden; Münzer selbst wurde in Mühlhausen auf grausame Weise hingerichtet.

Münzers Bild in der Geschichte ist umstritten, doch blieb sein Wirken in der Region unvergessen, die marxistische Geschichtsschreibung sah in ihm einen großen Revolutionär und benannte deshalb den 1951 zur Sicherung des Bergbaus im Sangerhäuser Revier abgeteuften Schacht nach ihm. Die Erin­nerung an Thomas Münzer hält Werner Tübkes Monumentalgemälde „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" im Bauernkriegs-Panorama von Bad Frankenhausen aufrecht, das als wahrhaft monumentales Bildwerk zwischen 1976 und 1987 entstanden ist und in einer eindrucksvollen Gesamt­schau Humanismus, Reformation und Bauernkrieg sowie das Wirken Martin Luthers und Thomas Münzers im gegenseitigen Bezug als Teile eines zu DDR-Zeiten angestrebten, umfassenden Erneuerungsprozesses und einer grund­legenden Umwälzung in Kirche und Gesellschaft sinnlich erlebbar vorstellt.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte als Resumé festhalten: Der Name Mansfeld ist in Europa ein fester Begriff, er besitzt in Europa und in der Welt einen besonderen Klang und eine herausragende Bedeutung, er ist Synonym für eine große, bergwirtschaftlich bedeutende mitteleuropäische Lagerstätte, die seit wenigstens 800 Jahren die Menschheit mit Edelmetallen versorgt und den Menschen eine Lebensgrund­lage geboten hat. Die geförderten silberhaltigen Kupfererze wurden unter großen ökonomischen und wissenschaftlichem Einsatz gefördert und verhüttet, der Mansfelder Kupferschiefer hat europäische und deutsche Montan- bzw. Wirtschaftsgeschichte geschrieben und nachhaltig die Territorialentwicklung beeinflußt. Die im Mansfelder Revier lebenden Menschen wurden vom Montanwesen geprägt, die historischen Ereignisse wirken bis heute und in die Zukunft hinein. Das Mansfelder Berg- und Hüttenwesen hat auch - trotz mancher Rückschläge - immer wieder seine Lebensfähigkeit bewiesen und sich in technischer, sozialer und kultureller Hinsicht weiterentwickelt: Es hat sowohl mit seinen positiven Entwicklungen als auch mit seinen negativen Auswir­kungen auf die Umwelt letztlich die gesamte mitteldeutsche Region zwischen Hettstedt, Eisleben und Sangerhausen mit derzeit rd. 200.000 Einwohnern nachhaltig geprägt.

Erlauben Sie mir zum Schluß noch einige Anmerkungen, obwohl mir diese als einem Zugereisten, der zwar seit 1974 „immer mal wieder hier gewesen ist", aber letztlich nur geringe Zeit im Mansfelder Land zugebracht und nicht hier „gelebt" hat, nicht zustehen. Dennoch: Manchmal glaube ich, wenn ich in Eisleben, Hettstedt oder Sanger­hausen bin, bei den Einheimischen ein gewisses „Understatement" oder gar Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Angehörigen anderer Regionen empfinden zu können, vielleicht, weil man sich seiner Umgebung und Landschaft mit seinen Halden und der so stark veränderten, oft geschundenen Umwelt „schämt" und weil es nach der Wende nur schwer und verhältnismäßig spät zu einem neuen Anfang gekommen ist. Ich halte diese Einschätzung für falsch: Sie sollten sich nicht verstecken, Sie sollten auf Ihre Vergangenheit stolz sein und sie für einen Neubeginn nutzen. Sie sind doch Mansfelder - Wer will Ihnen denn mehr? Lernen und begreifen Sie Ihre Vergangenheit besser, negieren und verleugnen sie sie nicht, bewahren Sie sie und zeigen Sie Ihren Kindern und Enkeln Ihre außerordentliche Arbeitsleistung  z.B. in Gestalt der Schlacken- und Berghalden, die nirgenswo so umfangreich und eindrücklich anstehen und selbst vom Flugzeug aus zu sehen sind: Diese Halden sind Ihre Symbole, Ihre Landmarken, Ihre Leuchtfeuer, ihre Pyramiden, Ihre Dokumente der Arbeit und damit Ihre Denkmale. Schaffen Sie Ihrer Mansfeld-Galerie endlich ein an­gemessenes Zuhause und dokumentieren Sie in dieser Galerie Ihre Wurzeln und Ihre Identität! Schaffen Sie am Eisleber Markt, an dieser einzigartigen, kostbaren städtebaulichen Situation, eine Stätte für Ihre Vergangenheit, in der das Montanwesen und Luther eine auch räumlich eindrucksvolle Symbiose eingehen können. Ein solches Museum ist eine gute Investition in die Zukunft! Verstecken Sie sich nicht, ziehen Sie die notwendigen Schlüsse und bauen Sie Ihre Zukunft auf den für diese, Ihre Region so charakteristischen Tugenden auf: Auf Ihren besonderen Kenntnissen, auf Ihrer Leistungsbereitschaft und -Fähigkeit verbunden mit gesundem Selbstbewußtsein und positiver kritischer Streitkultur. Dann ist das Fundament für eine neue, erfolgreiche Zukunft im Mansfelder Land gut bestellt, dann ist um dieses Mansfelder Land nicht bang, das doch - und das sollten Sie nie vergessen - Männer hervorgebracht hat wie Martin Luther und Thomas Münzer, Männer, die Weltgeschichte geschrieben und die Welt verändert haben. Sie sollten sich aber auch jenen Männern wie dem unbekannten „Kamerad Martin" verpflichtet fühlen, die als einfache Berg-und Hüttenleute die „tägliche" Geschichte geschrieben haben, die ebenso wichtig und vielgestaltig ist wie die „große" Weltgeschichte in unseren Geschichtsbüchern. Bewahren Sie sich also Ihre Identität und bauen Sie Ihre Zukunft auf den Fundamenten dieser, Ihrer Geschichte auf, denn Sie sind doch Mansfelder! Sie sind es dem Mansfelder Bergbau, Ihrer Region, Ihrer Geschichte und allen hier lebenden Menschen schuldig!

In diesem Sinne ein herzliches „Glückauf", Ihr Mansfelder!

Professor Dr. Rainer Slotta

Deutsches Bergbau-Museum

Am Bergbaumuseum 28 44791 Bochum

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