2010-1 Das Bergjahr 1909 - Ein Streik erschüttert das Mansfelder Revier


Das Jahr 1909 ist in die Geschichte des Mansfelder Bergreviers als Streikjahr eingegangen. Sein Ausbruch überraschte nicht nur die Ober­-Berg- und Hütten-Direktion.


Das Bergjahr 1909- Ein Streik erschüttert das Mansfelder Revier

Verfasser: Dr. Stefan König

Das Jahr 1909 ist in die Geschichte des Mansfelder Bergreviers als Streikjahr eingegangen. Sein Ausbruch überraschte nicht nur die Ober­-Berg- und Hütten-Direktion. So berichtete noch im Juni 1909 der "Bergbote für die Grafschaft Mansfeld", die Zeitung des Vereins des reich streuen Berg- und Hüttenmanns im Mansfelder Land, sehr ausführlich über den Besuch des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Sachsen, von Hegel, im Mansfelder Bergrevier. In diesem Artikel wird hervorgehoben, dass von Hegel der höchstgestellte Staatsbeamte der Provinz, die bei seinem Besuch angetroffene „Kaiser- und Reichstreue" sowie die „patriotische Gesinnung" der Beamten und Mannschaften ausführlich würdigte und lobte. Eine humorvolle Ansichtskarte, die die Entlarvung eines Streikbrechers durch einen Streikposten zeigt, erinnert an diesen Arbeitskampf.

Fortführung der Investitionsvorhaben

Im Jahr 1909 wurde das Abteufen der Schächte Dittrich (bei Unterrißdorf, später Fortschritt­ Schacht II), Vitzthum (bei Hübitz, später Ernst Thälmann-Schacht) und Wolf (bei Volkstedt, später Fortschritt-Schacht I) erfolgreich beendet. Tabellarisch sind einige wichtige Kennziffern der Abteufarbeiten zusammengestellt:

    Parameter

Dittrich

Wolf

Vitzthum

    Teufe (in Meter)

621.50

572,25

613,20

    Teufkosten (in Mio. Mark)

ca. 0,819

ca. 1.169

ca. 1,014

    Kosten (M) pro lfd. Meter

1318

2011

1654

Im Jahr 1909 nahm das neu erbaute Kupfer- und Messingwerk in Hettstedt seine Produktion auf. Wie bereits im Jahr 1908, so konnte auch im Jahr 1909 keine Ausbeute an die Gewerke gezahlt werden. Begründet wurde dieser Schritt mit der weiter andauernden schwierigen Wirtschaftslage sowie mit der Feststellung, dass für die ungestörte Fortsetzung des Betriebes genügend Barmittel zur Verfügung bleiben, zumal eine Reihe von Neuanlagen im Bau begriffen ist, deren Fertigstellung keinen Aufschub erleiden darf." So wurde der weitere Ausbau des Hermannschachtes bei Helfta zu einer modernen und leistungsfähigen Schachtanlage zügig vorangetrieben.

Sichtbares Zeichen dieser Modernisierungsarbeiten war die elektrisch betriebene Seilbahn vom Hermannschacht zur Krughütte nach Eisleben. Ein wichtiges Investitionsprojekt war    die Komplettierung der Grubenwasserhaltung. Ihr unzureichender Zustand hatte sich zuletzt    im Jahr 1907 bei dem Wassereinbruch im Zirkel-Schacht    spürbar negativ auf das Produktionsgeschehen ausgewirkt. Eine wesentliche Schlussfolgerung aus diesem Wassereinbruch war die Notwendigkeit zur Komplettierung des Systems der sog. Ritzstrecken (Wasserhaltungsstrecken) im Niveau der 5.Sohle sowie ihre Neuanlegung im Niveau der 7. Sohle. In den Ritz­strecken wurde das in das Grubenfeld eindringende Karstwasser erfasst und gesammelt, den Hauptpumpenstationen zugeführt und über den Schlüssel-Stollen in das Flusssystem der Eibe abgestoßen. So dienten von den im Jahr 1909 insgesamt aufgefahrenen 9120 laufenden Meter Ausrichtungsstrecken allein 4181 Meter für die Anlegung von Ritzstrecken.

Ein vorläufiges Urteil zum Schlüssel-Stollen  Am 2.4.1909 fällte das   Königliche Landgericht in Magdeburg ein Urteil in der Sache „Stadt Magdeburg gegen die Mansfeldsche Kupferschieferbauende Gewerkschaft sowie gegen 20 Kaliwerke und chemische Fabriken in Staßfurt und Umgebung". Obwohl das Gericht nach dem Rechtsgrundsatz urteilte "das öffentliche Gewässer nicht in erster  Linie als Schöpfstelle für Trinkwasser da seien, sondern hauptsächlich der Schifffahrt und der Industrie zu dienen hätten", erfüllte der Richterspruch nicht vollständig die Erwartungen der Mansfelder Gewerkschaft. Zwar wurde die von der Stadt Magdeburg angestrebte Untersagung der Einleitung von salzhaltigem Schlüssel-Stollenwasser in die Saale vom Gericht nicht entsprochen, aber die Gewerkschaft wurde zur Übernahme von Kosten für die Neugestaltung der Magdeburger Trinkwasserversorgung verurteilt. Dagegen legte sie Berufung ein. Erst am 6.11.1922 endete dieser Prozess durch ein Urteilsspruch des  Königlichen Oberlandesgerichtes in Naumburg, nachdem er seit dem Jahr 1895 viele Gerichtsinstanzen beschäftigt hatte.

Im Jahr 1909 wurde über den Schlüssel-Stollen ca. 33,9 m3/ min Salzwasser in die Saale abgestoßen. Die Salzmenge betrug bei einem durchschnittlichen Salzgehalt von 210g/1 ca.3,742 Mio. Tonnen. Im Vergleich dazu die Jahreszahlen des Schlüssel-Stollens im Jahr 2000. Die Abstoßmenge betrug 22,4 m3/min Salzwasser bei einem durchschnittlichen Salzgehalt von ca. 23 g/l, woraus sich eine Jahresmenge von 0,271 Mio. Tonnen Salz errechnet.

Das Produktionsgeschehen          

Im Verwaltungsbericht wird angeführt, dass der Bergarbeiterstreik nur unwesentlich das wirtschaftliche Jahresergebnis 1909 beeinflusste. Die Hüttenbetriebe wurden durch ihn nur in einem geringen Maße in Mitleidenschaft gezogen. Die durch den Streik reduzierte Erzförderung wurde durch vorhandene Lagervorräte an Hüttenzwischenprodukten, welche während des Streiks aufgearbeitet wurden, kompensiert. Trotz des Streiks konnten im Jahr 1909 beachtliche Produktionssteigerungen gegenüber dem Vorjahr erzielt werden. So stieg z. B. die Erzförderung von 642.306 t (1908) auf 125.060 t, die Raffinadkupferproduktion von 16.669  t (1908) auf 19.017 t. Diese Steigerungen wurden erreicht bei Reduzierung der Belegschaftsstärken in den Mansfelder Bergbau- und Hüttenbetrieben um insgesamt 536 Mann. Damit zeigten die im Jahr 1908 durchgeführten Rationalisierungsmaßnahmen im Bereich der Hüttenbetriebe, so z. B. die Einstellung der Eckardt-Hütte, der Versuchsanstalt  der Bessemerei  auf der Kupferkammer-Hütte  sowie der elektrolytischen Versuchsbetriebe, bereits spürbare Wirkungen. Die Verteilung der erzielten Einnahmen aus der Gewinnung und Verarbeitung des Kupferschiefererzes im Jahr 1909 ist in einer Grafik dargestellt.

Personalien

Die Personalpolitik der Mansfelder Gewerkschaft zeichnete sieb bei der Entwicklung von Führungspersönlichkeiten durch eine langfristig ausgerichtete Strategie aus. So bemühte man sich durch Neueinstellungen geeignete Fachleute zu gewinnen und sie dann im eigenen Unternehmen gezielt zu Führungskräften zu entwickeln. Ein Betspiel dafür ist die im Jahr 1909 erfolgte Einstellung des Bergassessors Dr. Heinhold in den gewerkschaftlichen Dienst. Über verschiedene Leitungspositionen im Mansfelder Revier, aber auch im Steinkohlenbergbau der Mansfelder Gewerkschaft in Westfalen, wurde er auf unterschiedlichen Leitungsebenen gefordert und gefördert. Er wurde ein Jahrzehnt später Ober­ Berg- und Hütten-Direktor und bald auch Generaldirektor der Mansfeld-AG.

Im Betriebsregime des gewerkschaftlichen Kupferschieferbergbaus besaßen die Ober­ steiger der früheren Reviere bzw. der späteren Schächte eine herausragende Bedeutung. Sie verkörperten in ihrer Person die Autorität der Ober-Berg- und Hütten-Direktion gegenüber der Belegschaft. Weiterhin waren sie aufgrund ihres langjährigen beruflichen Werdegangs exzellente Fachleute für Fragen der Produktion und der Technik. Als Betriebsführer waren sie die Ansprechpartner für das Bergamt und zeichneten bergrechtlich für das Betriebsgeschehen verantwortlich. Nicht zuletzt waren sie in den Ortschaften der Einzugsbereiche der jeweiligen Schächte die Repräsentanten der Gewerkschaft. So vertraten sie in vielen Kommunen des Mausfelder Landes als Ortsvorsteher und Stadtverordnete die Interessen der Gewerkschaft. Der Ober-Berg- und Hütten-Direktor Ernst Leuschner ging mit gutem Beispiel für seine gewerkschaftlichen Beamten voran. Während seiner Amtszeit war Leuschner u. a. Mitglied des Reichstags, aber auch langjähriger Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung von Eisleben. Es ist deshalb nicht überraschend, dass im Januar 1909 der Obersteiger Zobel (Paul-Schacht) zum Vorsitzenden und sein Fahrsteiger Döltz zum Schriftführer der Stadtverordnetenversammlung von Gerbstedt gewählt wurden.

Ein legendärer Mansfelder Obersteiger, der in Kreisfeld beheimatete Ludwig Fahnert verstarb am 11.1.1909 im Alter von 69 Jahren. Sein Lebenslauf verdeutlicht anschaulich den typischen Werdegang eines Obersteigers dieser Zeit. Er begann seine bergmännische Tätigkeit im Jahr 1854 vermutlich als Treckejunge auf dem Erdmann-Schacht (Glückaufer Revier) in Wimmelburg. Nach erfolgreichem Besuch der Bergschule in Eisleben (1865) kletterte er auf der Karriereleiter vom Hilfsfahrburschen bis zum Obersteiger. In dieser Funktion leitete er bis 1908 das Glückaufer Revier mit den Hauptschächten Martins (Kreisfeld) und Clotilde (Eisleben). Umfangreich war auch die Liste seiner kommunalen und gesellschaftlichen Verpflichtungen und Aktivitäten, speziell in seinem Heimatort Kreisfeld. Sie reichten z. B. von der Gemeindevertretung, über den Kirchenrat bis zum Begräbnisverein Kreisfeld.

Erlebte Bergkameradschaft

Das Aufbegehren der Belegschaften der Mausfeld-Betriebe vor 100 Jahren hatte den Arbeitern nicht den erhofften Erfolg gebracht. Trotz alledem kam bei der harten bergmännischen Arbeit unserer Vorvorderen die Geselligkeit und das kameradschaftliche Zusammensein zum Jahresausklang nicht zu kurz, wie eine vom Vitzthumschächter Fördermann Franz Schneemann an­ gefertigte Bleistiftzeichnung zeigt. Sie wurde unter dem Titel "Weihnachtsfeier Zirkelschacht1909" im Jahr 1938 in der Mansfelder Werkszeitschrift "Nappian  und Neuke" veröffentlicht.

 

 

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